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Litauen |
Einwohnerzahl (Weltrang): 3 454 000 (127)
Fläche (Weltrangplatz): 65 301 km² (120)
Hauptstadt: Vilnius
Autokennzeichen: LT |
Lithunia - Lituanie - Lituania
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Reiseberichte / Texte zu Litauen
LITAUEN – Die Mitte Europas
26 km nördlich der Hauptstadt Litauens befindet sich die Mitte Europas. Wer’s
nicht glaubt: Ich war dort, und habe darüber eine Urkunde. Der polnische
Dokumentarfilmer Stanislav Mucha ist auf seiner Suche nach dem geografischen
Zentrum Europas ja zwölf Mal fündig geworden, und sogar soweit östlich wie in
der Ukraine. Aber die Litauer sagen: Unser Mittelpunkt ist der richtige,
gemessen vom Französischen Nationalinstitut für Geografie, und anerkannt vom
Guinness-Buch der Rekorde. Wie dem auch sei, die Gedenkstätte ist idyllisch
gelegen in einer sanften Hügellandschaft nahe eines der 3000 Seen des Landes.
Landschaftlich noch schöner liegt Kernavé mit seinen reizvollen Bauernhäusern ,
deren Holzfassaden in den verschiedensten Farben gestrichen sind. Als der Ort
1279 erstmals urkundlich erwähnt wurde, befand sich hier das politische und
wirtschaftliche Zentrum der Region, und er wird deshalb als die erste Hauptstadt
des Landes angesehen. Das Museum belegt mit Funden aus prähistorischer Zeit bis
ins Mittelalter die reiche Geschichte von Kernavé, wo jedes Jahr Anfang Juli die
„Tage lebendiger Archäologie“ stattfinden. Bei diesem Festival werden
mittelalterliche Handwerkskünste wieder zum Leben erweckt, Protagonisten alter
Musik geben Konzerte für die Tausenden von Besuchern, und Ritter demonstrieren
ihre Kriegskunst. Man singt und tanzt wie bei tausend anderen Gelegenheiten in
diesem Land.
Auch nur 30 km von der jetzigen, der dritten, Hauptstadt Vilnius entfernt liegt
inmitten einer Seenkette die zweite, Trakai. In der altertümlichen Wasserburg,
in der einst die litauischen Fürsten residierten, drängeln sich heute die
Touristen, um die Schätze des auf mehreren Ebenen untergebrachten Nationalen
Historischen Museums zu bewundern. Der Bau ist imposant, und vielleicht das
bekannteste Fotomotiv Litauens, aber authentisch ist nur wenig. Mangels anderer
Quellen erfolgte die massive Rekonstruktion anhand von Beispielen deutscher
Burgen. Ich würde aber gerne mal einem der hier im Sommer stattfindenden
Konzerte beiwohnen. Das muss sehr stimmungsvoll sein. Oder ein Segelboot mieten,
um die romantische Umgebung zu erkunden.
Litauen war immer ein Kreuzweg zwischen Ost und West, Norden und Süden. Russen,
Polen, Deutsche und Franzosen haben ihre Spuren hinterlassen. Und Vilnius ist
das Herzstück des Landes seit der Zeit des Großfürstentums Litauen, das sich
1430 vom Baltikum bis ans Schwarze Meer erstreckte. Es war Großfürst Gediminas,
der im 14. Jh. eine Multikulti-Gesellschaft begründete, als er jüdische,
slawische, italienische und viele andere Künstler und Händler einlud, in der
Stadt zu wohnen und zu wirken. Vilnius atmet Kunst und Geschichte aus vielen
Jahrhunderten. Barock ist der vorherrschende Stil in der Altstadt, aber auch
Gotik, Renaissance und Neoklassizismus sind mit Prachtbauten vertreten.
Glanzpunkte dieses Weltkulturerbes sind einige der schönsten Kirchen Europas.
Man sollte sich einfach treiben lassen durch die malerischen Gassen, auch in die
versteckten Hinterhöfe hineinschauen, sich entspannen in einem der vielen Parks,
und zwischendurch vielleicht mal ein Kartoffel- oder Pilzgericht probieren. Ich
kenne keine grünere Stadt als das überschaubare Vilnius, und kaum eine andere
strahlt so viel Charme und Atmosphäre aus. Das Nachtleben ist berühmt. Ich wäre
gerne länger als zwei Tage geblieben.
In der kurzen Zeit, in der man im Meer baden kann (Juli/August), aber auch in
der Vor- und Nachsaison, treffen sich Einheimische, Russen, Letten und immer
mehr Deutsche in Palanga. Am Tag aalen sich Tausende an den weißen langen
Sandstränden, am Abend bewundern sie von dem über 400 m langen Steg aus die im
Meer versinkende Sonne, und danach geht es heiß her in den Restaurants, Bars,
Nachtklubs und Kasinos. Auf der Flaniermeile schieben sich die Massen. Es gibt
aber auch ruhige Ecken, und dann ist da der Botanische Garten und der Welt
reichstes Bernstein-Museum. Neben den meist kleineren Hotels werden zahlreiche
Privatquartiere angeboten, aber auch diese muss man frühzeitig buchen, wie mir
Vermieter sagten. Die Lithuanian Airlines hat für nächsten Sommer Direktflüge
von Berlin , Frankfurt und Hannover angekündigt.
Das Gegenstück zu Palanga ist die einzigartige Kurische Nehrung, wo schon Thomas
Mann eine wunderschön gelegene Sommerresidenz hatte, die ihm zu Ehren als Museum
eingerichtet wurde. Die Landzunge ist das Mekka derer die Ruhe suchen. Nida und
die drei anderen beschaulichen Dörfer mit ihren Hotels liegen zum Haff. Zu den
Stränden auf der Seeseite läuft man 20 Minuten , oder man bedient sich eines
Fahrrades – Verleihe findet man reihenweise -, mit dem sich auch herrliche
Touren durch die umgebenden Kiefernwälder unternehmen lassen. Die bis zu 70
Meter hohen Dünen bei Nida sind ein unvergessliches Naturschauspiel.
Die Fähre zur Kurischen Nehrung fährt in wenigen Minuten von Klaipeda aus, der
drittgrößten Stadt Litauens, die wegen ihres Hafens von großer wirtschaftlicher
Bedeutung für das Land ist. Zu deutschen Zeiten hieß sie Memel. Und deutsch
sieht die Altstadt aus mit ihren Fachwerkhäusern aus dem 18. und 19. Jh., die
liebevoll restauriert wurden. In der Mitte des mit Kopfstein gepflasterten
Theaterplatzes steht ein Brunnen, gekrönt von einer Skulptur des Ännchens von
Tharau. Ihr Schöpfer, Simon Dach, wurde in Klaipeda geboren. Übernachtet habe
ich mit den 14 Journalisten aus 7 Ländern, mit denen ich unterwegs war, im Hotel
Klaipeda. Für litauische Verhältnisse sehr teuer – 125 Euro – bekam ich eine
luxuriöse Suite, deren Prunkstück ein Whirlpool war. Bei einer Übernachtung habe
ich drei Mal davon Gebrauch gemacht. Und nicht zu vergessen: Vom Dachrestaurant
des Hotels hat man einen phantastischen Blick auf den Hafen. Hier traf ich auch
Österreicher, die eine Busreise durch die drei baltischen Staaten machten. In
Vilnius waren sie noch nicht gewesen, aber von den Hauptstädten Riga und Talinn
berichteten sie ganz begeistert.
Ich bin jetzt erstmal begeistert von Litauen und seinen lebenslustigen
Bewohnern. Sie halten ihre Traditionen hoch, sie lieben Folklore und Musik..
Wann immer sich eine Gelegenheit bietet, tanzen und singen sie. Auf der anderen
Seite spürt man, dass hier Menschen sind, die nach vorne schauen, die etwas
bewegen wollen. Bei niedrigen Preisen und Löhnen floriert die Wirtschaft. Die
Arbeitslosigkeit liegt unter 5 %. Die Stimmung ist gut seit Litauen als erste
Sowjetrepublik seine Unabhängigkeit proklamiert hat.
In der Nacht des 31.8.1993 zogen die Russen ab. Vier Tage später war der Papst
da. Das Volk, das als letztes europäisches christianisiert worden war, jubelte.
Zu Beginn des Rückfluges mit der Fokker 50 der AirBaltic konnte ich ein letztes
Mal hinunter blicken auf die paradiesische Landschaft Litauens mit seinen
Wäldern, Seen und Flüssen, und ich versprach mir, zurück zu kommen und mir
nächstes Mal mehr Zeit zu nehmen.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des
Rechteinhabers, © by Heiko Trurnit
2006
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